
Cuteness – Aporien der Niedlichkeit
Studium Generale | Hochschule für Musik und Theater
Wintersemester 2025/26
Was macht jemanden oder etwas ›niedlich‹ – und warum wirkt das so machtvoll auf uns? Niedliches stimuliert uns nicht nur auf kognitiver Ebene, sondern wird im Sinne einer Affektästhetik auch in körpernahe Reaktionen übersetzt. Diese reichen vom Impuls, etwas zärtlich zu berühren oder zu schützen, bis zur sogenannten Cute Aggression, die entsteht, wenn Niedlichkeit übermäßig stark erlebt wird. In diesem Seminar untersuchen wir das kulturelle Phänomen der Cuteness in einer komplexen Gegenwart: zwischen affektiver Überwältigung, populärer Ästhetik und kritischer Praxis.
Auf den ersten Blick scheint Niedlichkeit eine Position der Schwäche zu markieren. Sie wirkt verletzlich, weich, infantil, naiv – Eigenschaften, die in der Kulturgeschichte oft abgewertet und marginalisiert wurden. Doch gerade in dieser vermeintlichen Unterlegenheit liegt ihr ambivalentes Potenzial: Niedlichkeit kann gesellschaftliche Normen der Härte oder Coolness irritieren und alternative Formen von Stärke und Bedeutung eröffnen. Indem sie Nahbarkeit, Fürsorge und Aufmerksamkeit hervorruft – im Sinne des Reparative Turn –, kann Cuteness zu einer widerständigen Haltung werden. Ihr Potenzial geht über eine bloße »Ästhetisierung des Machtlosen« hinaus (Gnai 2005). Diese sanfte, aber wirksame Form der Einflussnahme lässt sich als Soft Power begreifen, die nicht auf Dominanz, sondern auf Zuwendung setzt.
Damit erschließt sich auch eine weiterführende kunst- und kulturhistorische Perspektive: Das Niedliche war lange an der Seite von Kitsch, Feminität oder Trivialität verortet – während das Erhabene, Monumentale und Avantgardistische als ›echte‹ Kunst galt. Diese Trennung spiegelt bis heute soziale, geschlechtliche und kulturelle Hierarchien. Es bedarf daher der Haltung einer Critical Cuteness. Im Seminar wollen wir diese Phänomene theoretisch erkunden.
Inhalte
I. Critical Cuteness – Ein Einstieg
II. Phänomenologie des (unendlich) Kleinen – Ein philosophiehistorischer Überblick
III. Post-Cuteness? Kategorien des Niedlichen und künstlerische Positionen
IV. Uglyness – Feindin alles ›Sweeten‹?
V. Glücksversprechen und Eskapismus im Rahmen von (nicht nur) Niedlichkeit
VI. ›Die molekulare Revolution‹ – Aspekte minimaler politischer Differenzen
Literatur
Sara Ahmed (2010): The Promise of Happiness, Durham & London; Lauren Berlant (2011): Cruel Optimism, Durham & London; Eva Blome et al. (Hg.) (2022): »Süüüüß!«, Zeitschrift für Kulturwissenschaften; Katja Gunkel et al. (Hg.) (2020): #cute. Eine Ästhetik des Niedlichen zwischen Natur und Kunst, Frankfurt & New York; Annekathrin Kohout (2025): »Cuteness als subkulturelle Ästhetik«, in: Blog der EKWS (Empirische Kulturwissenschaft Schweiz); dies. (Hg.) (2023): Cuteness. Das Niedliche als ästhetische Kategorie, Kunstforum International; Kunsthalle Erfurt (2025): The Cute Escape – Empathie, Empowerment, Empfindsamkeit (Glossar); Sianne Ngai (Hg.) (2022): The Cute, Documents of Contemporary Art, London; dies. (2005): »The Cuteness of the Avant-Garde«, in: Critical Inquiry.
Lehrende
Katharina Alsen und Benjamin Sprick