
Intimes Theater von der Moderne bis zur Gegenwart
Hochschule für Musik und Theater Hamburg | Theaterakademie
Universität Hamburg | Institut für Germanistik: Neuere deutsche Literatur
Wintersemester 2020/21
»Why do we love to be so up-close and personal?«, fragt die britische Theaterkritikerin Lyn Gardner angesichts von Theaterformaten seit der Jahrtausendwende, die Besucherinnen auf räumlicher, körperlicher und emotionaler Ebene (zu) nahekommen und den Eindruck von personalisierten Erlebniswelten erwecken (Gardner 2010).
Im Seminar sollen drei Typen intimen Theaters der Gegenwart genauer betrachtet werden: Erstens immersive Formate mit interaktiven und nomadischen Performance-Installationen (z.B. SIGNA, Punchdrunk), zweitens One-to-One-Formate, in denen nur ein:e Performer:in und ein:e Teilnehmer:in aufeinandertreffen (z.B. The Agency, Ontroerend Goed, Odyssey Works), sowie drittens Home-Visit-Formate, die ortsspezifisch konzipiert sind und in Privatwohnungen stattfinden (z.B. Fix&Foxy, geheimagentur, X Shared Spaces).
Welche Ästhetiken und Politiken sind mit diesen Formaten verbunden? Wie unterscheiden sich Analysen aus wirkungs- und produktionsästhetischer Perspektive? An welche aktuellen kultursoziologischen Debatten knüpfen die Konzepte an – etwa zur Gesellschaft der Singularitäten (Reckwitz), zu ökonomischen Strategien der Selbstführung (Bröckling) oder der öffentlichen Funktion intimer Geständnisse (Bublitz)?
Theatrale Aushandlungen von Nähe und Distanz sind zudem nicht nur ein Phänomen der Gegenwart, sondern lassen sich in die Moderne rückverfolgen: Der Autor und Theatermacher August Strindberg gründete 1907 in Stockholm die Spielstätte »Intima Teatern«, deren (raum-)ästhetisches Programm er in zahlreichen Schriften darlegte. Jüngere Inszenierungen wie Katie Mitchells Version von Strindbergs »Fräulein Julie« (2010), bei der auf der Bühne ein Live-Film produziert wird, liefern dazu neue Kommentare.
Auch verschiedene Spielarten der Performancekunst ab den 1960er-Jahren, z.B. der Body Art, befragten seinerzeit die Potenziale oder Grenzen inszenierter Intimität und entwickelten Strategien der Involvierung von Zuschauer:innen und der performativen Transgression des Bühnenraums. Ein ungeschriebener »Kontrakt der Unversehrtheit« (Schaub 2018), der eigentlich konstitutiv für Kunstkontexte ist, ist hier wie dort Grenzüberschreitungen ausgesetzt und gilt nicht mehr uneingeschränkt. Diesen und weiteren Zusammenhängen soll im Seminar nachgegangen werden.
Inhalte
I. Einstieg: Was macht intimes Theater (aus)?
II. Intimität als ästhetisches Paradigma der Moderne
III. Kritische Theorien des Intimen I
IV. Kritische Theorien des Intimen II
V. Immersives Theater I: Theorien und Hintergründe
VI. Immersives Theater II: Analysen
VII. Exkurs: Intimität und Gewalt
VIII. One-to-One-Performance I: Theorien und Hintergründe
IX. One-to-One-Performance II: Analysen
X. Exkurs: Intimität und Berührung
XI. Home-Visit-Performance
XII. Abschluss: Intimität und Digitalität
Literatur
Adam Alston (2016): Beyond Immersive Theatre. Aesthetics, Politics and Productive Participation, Basingstoke; Hannelore Bublitz (2010): Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis, Bielefeld; Ulrich Bröckling (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a.M.; Rachel Gomme (2015): »Not-so-Close Encounters. Searching for Intimacy in One-to-One Performances«, in: Participations; Liesbeth Groot-Nibbelink (2012): »Radical Intimacy. Ontroerend Goed Meets the Emancipated Spectator«, in: Contemporary Theatre Review; Eva Illouz (2006): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt a.M.; Doris Kolesch (2017): »Vom Reiz des Immersiven. Überlegungen zu einer virulenten Figuration der Gegenwart«, in: Paragrana; Jessica Mjöberg (2009): »Challenging the Idea of Intimacy as Intimate Relationships. Reflections on Intimacy as an Analytical Concept«, in: Alejandro Cervantes-Carson et al. (Hg.): Intimate Explorations. Reading Across Disciplines, Oxford; Rainer Mühlhoff & Theresa Schütz (2017): »Verunsichern, Vereinnahmen, Verschmelzen. Eine affekttheoretische Perspektive auf Immersion«, Working Paper 10, SFB Affective Societies; Andreas Reckwitz (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin; Mirjam Schaub (2018): »Der Kontrakt der Unversehrtheit. Oder: Ausbrüche aus der Kunsterfahrung im Zeitalter der Immersion«, in: Aida Bosch et al. (Hg.): Ästhetischer Widerstand gegen Zerstörung und Selbstzerstörung, Wiesbaden; Marianne Streisand (2001): Intimität. Begriffsgeschichte und Entdeckung der »Intimität« auf dem Theater um 1900, München.
Lehrende
Katharina Alsen